Kinder bilden sich selbst Teil IV: Was wir von Sudbury Valley lernen können

40 Jahre lang haben Kinder sich an dieser Schule selbst gebildet.

von Peter Gray

veröffentlicht am 13. August 2008 im Blog Freedom to Learn

https://www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn/200808/children-educate-themselves-iv-lessons-sudbury-valley

Die Sudbury Valley School war die letzten 40 Jahre lang das bestgehütete Geheimnis in der Amerikanischen Bildungslandschaft. Die meisten Pädagogik-Studenten haben nie von ihr gehört. Pädagogik-Professoren ignorieren sie – nicht aus böser Absicht, sondern weil sie nicht in den Rahmen ihres pädagogischen Denkens hineinpasst. Das Bildungskonzept von Sudbury Valley ist keine Variante der Standard-Bildung. Es ist keine fortschrittliche Version traditioneller Schulbildung. Es ist keine Montessori-Schule, keine Dewey-Schule und keine konstruktivistische Schule nach Piaget. Es ist etwas völlig anderes. Wenn man die Schule verstehen möchte, muss man von einer ganz anderen Denkweise ausgehen, als von der, die das gegenwärtige pädagogische Denken beherrscht. Man muss von folgendem Gedanken ausgehen: Erwachsene haben keine Kontrolle über die Bildung der Kinder – Kinder bilden sich selbst.

Aber dieses Geheimnis dringt nach draußen, hauptsächlich verbreitet durch Schüler und andere, die die Sudbury Valley School unmittelbar erlebt haben. Heute folgen mindestens zwei Dutzend Schulen in der ganzen Welt dem Modell von Sudbury Valley. Ich sage voraus, dass in 50 Jahren, wenn nicht früher, das Sudbury-Valley-Modell in jedem Standard-Lehrbuch der Pädagogik vertreten sein wird und es an vielen Orten im öffentlichen Schulsystem anwendet werden wird. In 50 Jahren, so meine Vorhersage, werden viele, wenn nicht die meisten, Pädagogen den heutigen Bildungsansatz als barbarisches Überbleibsel der Vergangenheit betrachten. Die Leute werden sich fragen, warum die Welt so lange gebraucht hat, eine so einfache und offensichtliche Idee zu verstehen, wie die, auf der die Sudbury Valley School gegründet ist: Kinder bilden sich selbst; wir müssen es nicht für sie tun.

In meinem letzten Beitrag habe ich Belege dafür zusammengefasst, dass Kinder in Jäger- und Sammler-Gesellschaften die außerordentliche Menge an Wissen und Fertigkeiten, die sie brauchen, um erfolgreiche Erwachsene zu werden, durch ihr selbstbestimmtes Spielen und Erforschen erlernen. Im Beitrag davor habe ich aufgezeigt, dass Kinder in unserer Kultur viele der schwierigsten Lektionen, die sie jemals lernen werden, lernen, bevor sie zur Schule kommen, ganz aus ihrer eigenen Initiative, ohne Anweisung und Drängen von Erwachsenen. Und nun, beruhend auf den Erfahrungen der Sudbury Valley School, behaupte ich, dass Selbst-Bildung bei Jugendlichen und Kindern im Schulalter in unserer Kultur genauso gut funktioniert wie bei Vorschulkindern und bei Jägern und Sammlern.

Viele Jahre lang hatte ich die Gelegenheit, die Sudbury Valley School zu beobachten, sowohl als Vater eines Schülers, der dorthin ging, als auch als Akademiker, der die Schule als eine Ressource nutzte, um Spielen und selbstbestimmtes Lernen zu untersuchen. Ich erzähle Euch mal ein bisschen was über die Schule.

Zunächst ein paar profane Fakten. Die Schule wurde vor 40 Jahren gegründet und war seitdem durchgängig in Betrieb. Sie ist eine private Tagesschule, befindet sich in Framingham (Massachusetts, USA), und steht Schülern ab vier Jahren bis zum Highschool-Alter offen. Die Schule ist in keiner Hinsicht elitär. Sie nimmt Schüler ungeachtet ihrer akademischen Leistungen auf und arbeitet mit Pro-Schüler-Kosten, die ungefähr halb so hoch sind wie die der öffentlichen Schulen in der Umgebung. Die Schule hat derzeit etwa 200 Schüler und 10 erwachsene Mitarbeiter. Sie ist einem viktorianischen Herrenhaus und einer umgebauten Scheune untergebracht, die sich auf einem vier Hektar großen Grundstück befinden, in einem Teil der Stadt, der im wesentlichen landwirtschaftlich geprägt war, als die Schule eröffnete. Nun, die bemerkenswerten Fakten, die die Funktionsweise der Schule betreffen:

Die Schule funktioniert als partizipatorische Demokratie

Die Sudbury Valley School ist in erster Linie eine Gemeinschaft, in der Kinder und Jugendliche die Privilegien und Verantwortlichkeiten einer demokratischen Regierung unmittelbar erfahren. Das höchste Verwaltungsgremium ist die Schulversammlung, die aus allen Schülern und Mitarbeitern besteht. Nach dem Prinzip „Ein Mensch, eine Stimme“ erschafft die Schulversammlung, die sich einmal pro Woche trifft, sämtliche Schulregeln, trifft Entscheidungen über Anschaffungen der Schule, richtet Komitees ein, um den Alltagsbetrieb der Schule zu managen, und stellt Mitarbeiter ein bzw. entlässt sie. Vierjährige haben an der Schule bei all diesen Fragen das gleiche Stimmrecht wie ältere Schüler und erwachsene Mitarbeiter.

Kein Mitarbeiter an der Schule hat eine unbefristete Anstellung. Jeder hat einen Ein-Jahres-Vertrag, der jedes Jahr durch eine geheime schriftliche Abstimmung erneuert werden muss. Da die Schüler die Mitarbeiter zahlenmäßig um den Faktor 20 übertreffen, sind die Mitarbeiter, die diesen Prozess überstehen und Jahr für Jahr wiedergewählt werden, jene, die von den Schülern hochgeschätzt werden. Sie sind Leute, die freundlich, ethisch und kompetent sind, und die erheblich und positiv zur Umgebung der Schule beitragen. Sie sind die Erwachsenen, die die Schüler vielleicht in mancher Hinsicht nachahmen wollen.

Die Regeln der Schule werden vom Justizkomitee durchgesetzt, dessen Zusammensetzung sich regelmäßig ändert, dem aber immer ein Mitarbeiter und Schüler angehören, die das gesamte Altersspektrum der Schule repräsentieren. Wenn einem Schüler oder Mitarbeiter von einem anderen Mitglied der Schule die Verletzung einer Regel vorgeworfen wird, müssen der Beschwerdeführer und der Beschuldigte vor dem Justizkomitee erscheinen, welches über Unschuld oder Schuld entscheidet und im letzteren Fall über eine angemessene Konsequenz entscheidet. Bei all dem werden Mitarbeiter genauso behandelt wie Schüler. Niemand steht über dem Gesetz.

Die Schule mischt sich nicht in Aktivitäten der Schüler ein

Schüler haben die Freiheit, den ganzen Tag, jeden Tag, an der Schule das zu tun, was sie wollen, solange sie keine der Schulregeln verletzen. Bei den Regeln, allesamt von der Schulversammlung aufgestellt, geht es darum, die Schule zu schützen und die Möglichkeiten der Schüler zu schützen, ihren eigenen Interessen ohne Störungen durch andere nachzugehen. Schulmitglieder dürfen in ausgewiesenen „Ruheräumen“ keinen Lärm machen, dürfen die Ausstattung nicht missbräuchlich verwenden oder vergessen, benutzte Dinge am Ende wieder wegzuräumen, Schuleigentum verunstalten, illegale Drogen auf dem Schulgelände nehmen oder sich auf irgendeine andere Weise gegenüber jemand anderem so verhalten, dass dieser sich belästigt fühlt. Verhalten dieser Art ist das Futter der Justizkomitee-Beschwerden.

Keine der Schulregeln hat mit Lernen zu tun. Die Schule führt keine Tests durch. Sie bewertet und benotet den Fortschritt der Schüler nicht.[1] Es gibt keinen Lehrplan und keinen Versuch, die Schüler zum Lernen zu motivieren. Kurse finden nur statt, wenn Schüler die Initiative ergreifen, sie zu organisieren, und sie dauern nur so lange, wie die Schüler sie wollen. Viele Schüler an der Schule schließen sich nie einem Kurs an, und die Schule sieht darin kein Problem. Die Mitarbeiter an der Schule sehen sich nicht als Lehrer. Sie sind vielmehr erwachsene Mitglieder der Gemeinschaft, die eine große Vielfalt an Dienstleistungen bereitstellen, zu denen auch ein bisschen Unterrichten gehört. Der Großteil ihrer „Lehrtätigkeit“ hat die gleiche Vielfalt, die man in jeder menschlichen Umgebung finden kann; dazu gehört das Beantworten ehrlicher Fragen und das Vorstellen von Ideen im Rahmen echter Gespräche.

Die Schule ist eine reichhaltige Umgebung für das Spielen und Erforschen, und daher für das Lernen

Das Lernen an Sudbury Valley ist überwiegend beiläufig. Es tritt als Nebenwirkung des selbstbestimmten Spielens und Erforschens auf. Die Schule ist ein wunderbarer Ort zum Spielen und Forschen. Sie bietet Raum und Zeit für solche Aktivitäten. Sie bietet auch Ausstattung – dazu gehören Computer, eine voll ausgestattete Küche, eine Holzwerkstatt, ein Kunst-Raum, Spielplatz-Ausrüstung, Spielzeug und verschiedenste Spiele sowie zahlreiche Bücher. Schüler haben Zugang zu einem Teich, einem Feld und einem nahegelegenen Wald für Draußen-Spiele und Erkundungen. Wer ein besonderes Interesse entwickelt, das irgendeinen neuen Ausstattungsgegenstand erfordert, kann vielleicht die Schulversammlung überzeugen, ihn anzuschaffen, oder das Geld beschaffen und ihn selbst kaufen, indem er z.B. in der Schule Kuchen und Kekse verkauft.

Die wichtigste Ressource an der Schule sind für die meisten Schüler andere Schüler, unter denen es eine enorme Bandbreite an Interessen und Fähigkeiten gibt. Durch die ungestörte Altersmischung an der Schule bekommen die Schüler ständig die Aktivitäten und Ideen anderer mit, die älter oder jünger als sie selbst sind. Beispielsweise war das Lesen-Lernen für viele Schüler an der Schule eine Nebenwirkung davon, dass sie mit Schülern, die schon lesen können, Spiele spielten, in denen geschriebene Wörter vorkommen (dazu gehören auch Computerspiele). Sie lernen lesen, ohne dass ihnen das bewusst ist.

Ein Großteil des Erkundens an der Schule, vor allem bei Jugendlichen, geschieht durch Gespräche. Schüler unterhalten sich über alles nur erdenkliche, mit einander und mit Mitarbeitern, und durch diese Gespräche kommen sie mit einer riesigen Bandbreite an Ideen und Argumenten in Berührung. Da niemand eine offizielle Autorität ist, wird alles, was in Gesprächen gesagt und gehört wird, als etwas aufgefasst, worüber man nachdenken kann, nicht als Lehrsatz, der auswendig zu lernen oder bei einem Test wiederzugeben ist. Im Unterschied zu Stoff, der für einen Test auswendig zu lernen ist, regen Gespräche den Intellekt an. Der große russische Psychologe Lew Wygotski folgerte vor langem, dass Gespräche die Grundlage für höheres Denken seien; und meine Beobachtungen der Schüler an Sudbury Valley überzeugen mich, dass er recht hatte. Gedanken sind verinnerlichte Gespräche; sie werden durch externe Gespräche, mit anderen Leuten, in Gang gesetzt.

Hunderte von Absolventen belegen den Bildungserfolg der Schule

Meine eigene erste Studie der Sudbury Valley School war, vor vielen Jahren, eine Verlaufsuntersuchung der Absolventen. Seitdem hat die Schule selbst mehrere Absolventen-Studien durchgeführt, welche als Bücher veröffentlicht wurden.[2] All diese Studien haben gezeigt, dass die Schule als Bildungseinrichtung gut funktioniert.

Absolventen von Sudbury Valley finden sich heute in der gesamten Bandbreite an Berufen, die von unserer Gesellschaft wertgeschätzt werden. Sie sind geschickte Handwerker, Unternehmer, Künstler, Musiker, Wissenschaftler, Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Ärzte usw. Jene, die sich dafür entschieden, eine höhere Bildung anzustreben, hatten keine besonderen Schwierigkeiten, auf Hochschulen und Universitäten zu kommen, auch auf sehr wählerische, bzw. dort gute Leistungen zu zeigen, sobald sie aufgenommen waren. Viele andere haben Erfolg im Beruf, ohne aufs College zu gehen. Noch wichtiger: Frühere Schüler berichten, dass sie mit ihrem Leben zufrieden sind. Sie berichten fast einstimmig, dass sie froh sind, Sudbury Valley besucht zu haben, und dass sie davon überzeugt sind, dass die Schule sie besser auf die Wirklichkeiten des Erwachsenen-Daseins vorbereitet hat, als eine traditionelle Schule es getan hätte. In einem erheblichen Maße bewahren sie sich, im Erwachsenenalter, die spielerische (und das bedeutet sowohl konzentrierte und intensive als auch freudige) Haltung zu Berufen und zum Leben – eine Haltung, die sie während ihrer Zeit an der Schule entwickelt und verfeinert haben.

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Wenn Ihr Euch dafür interessiert, mehr über die Sudbury Valley School zu erfahren, ist die Website der Schule ein guter Ort, um damit anzufangen. Der führende Philosoph der Schule, zugleich einer der Gründer der Schule, ist Daniel Greenberg. Seine und andere Bücher über die Schule, findet man auf der Website der Schule. Greenbergs neuestes Buch, das ich empfehle, ist „Turning Learning Right Side Up“, gemeinsam verfasst mit dem bekannten Wirtschaftsprofessor und Innovator Russell Ackoff.

Mein eigenes Interesse in diesem und künftigen Beiträgen ist nicht, für Sudbury Valley als Institution zu werben, sondern dabei zu helfen, einen Dialog über Spielen, Neugier, die Natur des Menschen und Bildung zu schaffen, dem zum Teil Erfahrungen der Schule zugrunde liegen. Bislang habe ich nur an der Oberfläche gekratzt. Ich bin sicher, dass das, was ich hier geschrieben habe, bei vielen Lesern weitaus mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Fragt nur! Und zögert nicht, auch Eure Zweifel und Einwände vorzutragen.

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Anmerkungen

1. Es gibt eine Ausnahme von dieser Aussage, dass die Schule Schüler nicht bewertet. Schüler, die die Schule mit einem Highschool-Abschluss verlassen möchten, müssen eine schriftliche These ausarbeiten, in der sie die Aussage verteidigen, dass sie sich für ein verantwortungsvolles Erwachsenenleben vorbereitet haben. Diese These wird mündlich verteidigt und von einer Kommission aus Erwachsenen beurteilt, die Mitarbeiter an anderen Sudbury-Schulen sind.

2. Meine Studie der Absolventen, gemeinsam verfasst mit David Chanoff, wurde veröffentlicht im American Journal of Education, Band 94, Seiten 182-213. Die neueren Absolventen-Studien der Schule wurde von Sudbury Valley School Press herausgegeben und lassen sich auf der Website der Schule finden.

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