Sudbury Schulen – Kapitel 22: Nachteile

lizensiert unter Creative Commons BY-NC-ND 2.0
Die DVD „Sudbury-Schulen – Interviews mit Schülern, Mitarbeitern, Eltern und Absolventen“ von Henning Graner und Martin Wilke ist im tologo verlag erhältlich.

Martin Wilke: Gab es Sachen an der Schule, die dir nicht gefallen haben?

Seth Sadofsky: Nun, in meinem Alter… Irgendwie vergisst man solche Dinge. Es dauert nicht so lange, bis man unangenehme Dinge vergessen hat. Bestimmt gab es sie, mir fällt jetzt nur nichts Größeres ein.

Seth: Lass uns noch mal zu der Frage zurückkehren, was mir nicht so gefallen hat. Das ist etwas, über das man nachdenken sollte. Als ich ein kleines Kind war, war die Schule relativ klein; als ich älter war, war sie größer. Als die Schule wuchs, wurde sie dynamischer und aufregender. Es gab mehr Möglichkeiten und mehr Leute, mit denen man Zeit verbringen und sich beschäftigen konnte. Ich glaube, es ist besser, wenn diese Schulen auf größere Gemeinschaften hinarbeiten. Das heißt nicht, dass man es nicht auch mit weniger Kindern versuchen sollte, wenn eine größere Gruppe nicht sofort realisierbar ist. Aber ich denke, eine größere Gruppe macht die Schule dynamischer und aufregender und zu einem besseren Ort für Kinder.

Ben Sheppard: Ich glaube, es ist besser, mehr Leute in der Schule zu haben. Das bedeutet, dass es mehr Leute in deinem Alter gibt, welche, mit denen du zu tun hast. Das war der einzige Nachteil, den ich in meiner Schule hatte. Unsere Schule war immer sehr klein, so dass ich eigentlich nie jemanden in meinem Alter hatte, mit dem ich gut ausgekommen wäre. Das war der einzige Nachteil in meiner Schule.

Seth: Ich weiß nicht, ob ich es als etwas hervorheben würde, das mir nicht gefallen hat, aber als ich Schüler war, wuchs die Schule sehr schnell: Anfangs war sie ziemlich klein, so dass sich jedes Jahr Leute Sorgen machten, ob wir Schulbetrieb aufrecht erhalten und die Rechnungen bezahlen können, usw. Später war die Schule groß genug, so dass die Leute sich nicht ständig Sorgen machen mussten.

Henning Graner: Wie viele Schüler gab es zu Beginn und Ende deiner Schulzeit?

Seth: Als ich die Schule verließ, waren es so 150 Schüler, alle Altersgruppen zusammen genommen. Ich weiß nicht, wie wenig es in der Anfangszeit waren.

Martin: Gibt es irgendetwas, das euch an eurer Schule nicht gefällt? Irgendetwas, das Ihr gerne ändern würdet?

Michael Sappir: Wenn wir etwas ändern wollen, dann machen wir es einfach.

Martin: OK, aber vielleicht irgendetwas Kleines?

Michael: Es gibt einige Dinge, die man nicht ändern kann, weil sie so sein müssen. Aber man mag sie einfach nicht, z.B. Saubermachen oder im Justizkomitee Dienst haben.

Kelly Sappir: Oder die Regeln, ganz allgemein. Es ist lästig, sich immer daran halten zu müssen. Wir haben 150 Regeln. Es ist lästig, sich an jede einzelne halten zu müssen und immer alles richtig zu machen. Aber ich akzeptiere es, weil es mir ermöglicht, Freiheit zu haben und eine Schule zu haben, in der ich glücklich bin und in der sich meine Freunde wohl fühlen und jeder respektiert wird.

Michael: Und im schlimmsten Fall ist es das kleinere Übel. Auch wenn man eine Regel nicht mag, weiß man, dass es ohne sie noch schlimmer wäre. Es gibt also nichts, das wir nicht mögen und weder akzeptieren noch ändern können. Entweder kann man es ändern oder man kann es akzeptieren. Bei uns passieren keine inakzeptablen verrückten schlimmen Dinge.

Martin: Habt Ihr schon mal daran gedacht, auf eine andere Schule zu wechseln? Oder seid Ihr sehr zufrieden mit eurer Schule?

Ben: Ich habe darüber auch schon ein bisschen nachgedacht, vielleicht, um mehr Leute zu haben. Aber ich bin froh, dass ich an meiner Schule geblieben bin, denn ich bin völlig anders als die meisten Leute, und ich weiß, wo meine Interessen liegen.

Cassie Bradford: Ich darüber nachgedacht, auf eine öffentliche Schule zu gehen, weil ich nie auf einer war. Und auch wegen der Größe, weil niemand ungefähr so alt war wie ich. Ich habe mit jedem gespielt, aber ich habe schon darüber nachgedacht, auf eine öffentliche Schule zu gehen. Aber jetzt, wenn ich darüber nachdenke, würde ich nie wechseln. Ich würde meine Schule nie wechseln.

David Schneider-Joseph: Nun, ich bin jetzt generell mit der Schule fertig. Aber ich denke, seit ich auf Sudbury Valley ging, ist es mir nie in den Sinn gekommen, auf irgend eine andere Art von Schule zu gehen.

Seth: Es gibt einige Kinder, die sich entschieden haben, auf eine normale Schule gehen zu wollen. Ich meine, das ist immer noch eine seltsame Sache, es ist eine kleine Gruppe von Leuten, jeder andere in ihrer Nachbarschaft ist auf eine normale Schule gegangen. Ich kenne einige Leute, die die Schule aus eigener Entscheidung verlassen haben und gut zurecht gekommen sind. Das ist nicht gerade etwas, das wir öffentlich anpreisen, weil wir es natürlich lieber sehen, wenn die Leute bei uns bleiben.

Kelly: Dieses Jahr, nach dem zweiten Jahr der Schule, gab es nicht einen Schüler, der die Schule auf eigenen Wunsch verlassen hat. Es gab drei oder vier, die weggezogen sind; zwei wurden von ihren Eltern rausgenommen, weil die unglücklich waren, aber sie sind jetzt entschlossen zurückzukommen. Es gab keinen Schüler, der das Gefühl hatte, die Schule verlassen zu müssen. Jeder hat seinen Platz in der Schule gefunden.

Seth: Weißt du, sie kamen, sie hatten einige Probleme mit ihrer vorigen Schule, sie kamen für eine Weile nach Sudbury Valley, ein oder zwei Jahre später nahmen ihre Eltern sie aus der Schule und schickten sie woanders hin. Die Mitarbeiter an Sudbury Valley haben das immer als Versagen angesehen, dass Leute kommen und dann wieder gehen. Das überraschende, das man beim Lesen dieser Briefe sieht, die die Leute uns schicken, und die die Mitarbeiter bei wiederholten Studien gesehen haben, ist, dass diese ein oder zwei Jahre diesem Schüler viel gebracht haben. Sie halten diese Zeit in Erinnerung, und sie hilft ihnen in ihrer Zukunft. Es ist also irgendwie wirklich überraschend. Die Mitarbeiter an Sudbury Valley haben es immer als Scheitern angesehen, dass sie wieder gegangen sind, aber das war es gar nicht. Sie kamen, aus dem einen oder anderen Grund konnten sie nicht bleiben, aber diese Leute haben trotzdem eine Menge von der Schule profitiert.

Henning: Mögt Ihr Eure Schule?

Kelly: Wir lieben unsere Schule. Unsere Schule ist der beste Ort.

Henning: Warum?

Michael: Also ich persönlich bin auch gerne zuhause. Ich bin nicht jeden morgen vor Freude außer mir und rufe: „Ja, juhu, heute ist wieder Schule!“

Kelly: … wie ich das mache.

Michael: Ja, sie ist so drauf. Und vielen Kindern in der Schule geht das so. Ich denke nicht, dass die Schule ein schlechter Ort ist oder so. Ich bin nur einfach auch gerne zuhause. Aber ich weiß, dass es keinen einzigen Ort auf der Welt gibt, der als Schule für mich besser wäre. Es gibt keine Schule, auf die ich lieber gehen würde, außer vielleicht eine andere Sudbury-Schule, aber eigentlich nicht mal das, weil ich diese Schule hier selbst mitaufgebaut habe.

Henning: Hat dir deine Zeit an der Sudbury Valley School gefallen?

Seth: Ja, ich habe sie geliebt. Es war wunderbar.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s