Sudbury Schulen – Kapitel 23: Erfolg im Leben nach der Schule

lizensiert unter Creative Commons BY-NC-ND 2.0
Die DVD „Sudbury-Schulen – Interviews mit Schülern, Mitarbeitern, Eltern und Absolventen“ von Henning Graner und Martin Wilke ist im tologo verlag erhältlich.

Regina Leeb: Wir hatten bisher acht Absolventen in Booroobin. Jeder von ihnen ist entweder in Arbeit oder studiert. Zwei Schüler haben ein Stipendium gewonnen, wobei pro Jahr australienweit nur 12 Stipendien vergeben werden.

Seth Sadofsky: Wenn ich an Leute denke, mit denen ich in Kontakt geblieben bin oder mit denen ich gelegentlich in Kontakt komme, kann ich sagen, dass sie in der Lage gewesen sind, Dinge zu finden, die sie tun wollen, und diese Dinge nun auch weiterhin tun.

Regina: Einige Leute machen etwas mit Musik und einige haben die Technical and Further Education-Kurse ausprobiert.

Seth: Einer ist Grafikdesigner. Ein anderer ist Geschäftsmann. Ein weiterer hat sich entschlossen, im Wald zu leben.

Seth: Jemand möchte ein Farmer sein und findet ein Stück Land und eine Möglichkeit, darauf Landwirtschaft zu betreiben. Ich wollte Wissenschaftler werden – und arbeite nun als Wissenschaftler.

Regina: Es gibt also ganz verschiedene Leute. Aber ich denke, alle sind ziemlich glücklich und zufrieden mit dem, was sie tun.

Martin Wilke: War es für dich schwierig, aufs College zu kommen?

Seth: Nein.

Regina: Ich denke, Sudbury-Schüler haben nie große Probleme gehabt, auf eine Uni zu kommen, oder wohin auch immer sie wollten, weil die Leute einfach diese Schüler sehen. Sie sehen, dass sie selbstbewusst sind und dass sie wissen, was sie tun und wovon sie reden.

Seth: Ich lebe z.Z. in Kiel und arbeite dort als promovierter Forscher an der Universität.

Seth: Ich bin auf ein gutes College gegangen, habe gut abgeschnitten, und bin auf eine Graduate School gegangen und habe einen Doktortitel in Geologie erworben.

Seth: Sudbury Valley School bietet ein offizielles Schulzeugnis an, das bescheinigt, dass man gleichwertig gegenüber Leuten ist, die irgend eine andere Highschool im Staat Massachusetts absolviert haben. Leute, die sich am College bewerben, sagen normalerweise: „Ich habe einen Highschool-Abschluss gemacht. Hier sind meine Zensuren.“ Sudbury Valley schickt einen Brief, der erklärt, dass es hier keine Zensuren gibt. Das ist eine kurze Zusammenfassung, eine Seite lang, warum es wir keine Zensuren haben. Ich weiß gerade nicht genau, was da drin steht, im Grunde sagt er: „Wir haben keine Zensuren, die wir euch schicken könnten. Und zwar aus folgendem Grund.“ Als Schüler, der sich an einem College bewirbt, möchte man sicherlich das Thema ansprechen und etwas dazu sagen. Offen gesagt, glaube ich, dass es ihre Neugier weckt. Und dadurch kommt man mit ihnen ins Gespräch. Und wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, hat man gute Chancen, aufgenommen zu werden.

Seth: Jeder, der auf ein College möchte, kann auf ein College gehen, an dem es Leute gibt, die ihm in jedem beliebigen akademischen Fach helfen können, so gut zu sein, wie er möchte. Bei den großen staatlich finanzierten Einrichtungen ist es einfach, aufgenommen zu werden. An einer großen staatlich finanzierten Einrichtung kann ein wirklich interessierter Student sehr gut abschneiden und viel Aufmerksamkeit von den Professoren bekommen, sobald er sein Interesse an dem Thema zeigt. Denn die meisten anderen Studenten schlagen nur ihre Zeit tot.

Seth: Ich selbst wollte auf ein kleineres College gehen, das etwas wählerischer ist und bei dem es mehr Aufwand erforderte, aufgenommen zu werden. Für mich war es aber leichter, weil vor mir schon jemand von Sudbury Valley dort war und gut abgeschnitten hatte. Da die Sudbury Valley School im Laufe der Jahre gewachsen ist, gibt es mehr Leute, die bereits den Trend gesetzt haben. Die Leute in der Verwaltung der Colleges, zumindest jene im Zulassungsbüro haben vielleicht schon mal was von Sudbury Valley gehört.

Seth: Du musst dich sorgfältig bewerben. Und du musst an einigen Tests teilnehmen, um deine Fähigkeiten zu zeigen.

Seth: Ich weiß nicht, was an den allerwählerischsten Colleges geschieht, bei denen es 25 Bewerber auf einen Platz gibt. Aber zumindest die einigermaßen wählerischen Colleges sind sehr offen für uns.

David Schneider-Joseph: Ja, ich denke auf jeden Fall, dass meine Erfahrung an Sudbury Valley und an Greenwood mir enorm genützt hat. Ich habe zwar nicht vor, aufs College zu gehen, aber jeder, der von diesen Schulen aufs College möchte, kann das auch. Ich sehe nur für mich keine Veranlassung dazu.

Martin: Würdest du sagen, dass es schwieriger ist, einen Job zu finden, nachdem du auf der Sudbury Valley School warst?

Seth: Nein. Das einzige, was es schwieriger machen könnte, ist, dass du vielleicht höhere Ansprüche an deine Beschäftigung hast.

Regina: Sie sind sicherlich nicht benachteiligt.

Seth: Leute reden davon, wie schwierig es ist, erst all diese Freiheit zu haben und dann arbeiten oder zur Uni zu gehen, oder zu irgendeinem anderen Ort, an dem es Regeln gibt. Aber da du die Freiheit hast zu entscheiden, ob du dort hingeht oder nicht, ist es möglich, nach ihren Regeln zu leben. Du entscheidest dich, zur Uni zu gehen, findest raus, wie die Dinge dort laufen und befolgst die Regeln und machst, was du willst. Wenn die Regeln dann über das hinausgehen, was du bereit bist zu tun, gehst du eben wieder.

Und wenn du eine Arbeit hast und dir vernünftig erscheint, was man von dir verlangt, dann tust du es. Du befolgst die Regeln dieses Arbeitsplatzes und machst deinen Chef glücklich und tust alles dir Mögliche, um deine Arbeit gut zu machen. Und wenn dir diese Arbeit nicht vernünftig erscheint, sagst du: „Nun, es ist Zeit, etwas anderes zu machen.“ und findest eine andere Stelle. Aber ich glaube nicht, dass es irgendwas gibt, das in besonderem Maße schwerer wäre.

Regina: Absolventen normaler Schulen sind benachteiligt, weil sie oftmals nichts mit sich anzufangen wissen. Sie wissen nicht genau, wohin sie wollen. Sie fangen einen Kurs an und brechen ihn dann wieder ab und tun dann dieses und dann jenes.

Seth: Einige Leute haben Jobs, die sie hassen. OK, sie arbeiten 40 Stunden pro Woche und gehen dann nach Hause und vergesse es – vielleicht ist das nicht so schlimm. Aber Leuten, die ich kenne, die auf Sudbury-Schulen waren, scheint es besser zu gelingen, etwas zu finden, das sie gerne machen.

Regina: Sie sind insofern im Vorteil, als dass sie mehr über sich selbst wissen, und darüber, was sie machen wollen. Und sie haben das Selbstvertrauen, ihre Ziele weiterzuverfolgen. Sie lassen sich nicht von anderen erzählen, dass sie zu diesem oder jenem nicht in der Lage seien. Und wenn sie glauben, dass sie es schaffen können, dann lassen sie sich nicht aufhalten.

Seth: … ob es sich dabei nun darum handelt, in einer Bäckerei zu arbeiten, zur Uni zu gehen, oder als Künstler oder Musiker zu arbeiten. Sie machen die unterschiedlichsten Dinge.

Seth: Wenn man sich die Liste der Leute ansieht und fragt, wie viele von ihnen eine bestimmte Sache getan haben, die man für ein Zeichen des Erfolges hält, das ist das eine Minderheit. Aber wenn man danach fragt, wie viele etwas Kreatives und Interessantes tun, das zu tun sie einen Weg gefunden haben, dann ist es ein großer Teil.

Henning Graner: Glaubst du, dass diese Leute die Dinge tun konnten, die sie wollten, weil sie an Sudbury Valley waren oder obwohl sie dort waren?

Seth: Das kann man nie wissen.

Seth: Ich denke, die Leute sind letztendlich in der Lage gewesen, das zu tun, was sie wollten. Und das sollte im 21. Jahrhundert in den entwickelten Ländern unser Ziel für Bildung sein. Im 19. Jahrhundert, im frühen 20. Jahrhundert war das nicht unser Ziel, nicht wahr? Damals war das Bildungsziel, Leute zu haben, die Lesen, Schreiben und Anordnungen befolgen können. Und wir hatten ein System, das solche Leute hervorbrachte. Aber mit Lesen, Schreiben und Anordnungen-befolgen-können kommt man heute nicht weit, zumindest moderne Leute in der entwickelten Welt nicht.

David: Allein schon, wenn ich meinen Job betrachte – und das ist ja nur ein kleiner Teil dessen, wie man den Nutzen einer Schule misst –, dass ich in der Schule nicht meine ganze Zeit mit nutzlosen Aufgaben verbringen musste, hat mir ermöglicht, meinem Interesse an Computern nachzugehen. Und ich habe Computerarbeiten für andere erledigt und dabei eine Menge Geld verdient.

Regina: Die meisten Arbeitgeber mögen unsere Absolventen wirklich. Denn man kann hervorragend mit ihnen arbeiten, und sie sind verantwortliche Leute. Sie wissen, dass sie ihre Arbeit tun müssen. Sie versuchen nicht, sich um sie herumzudrücken, sondern nehmen ihre Arbeit sehr Ernst, sie ist ihnen wichtig. Daher leisten sie gute Arbeit.

David: Ich denke allerdings nicht, dass das der beste Maßstab für den Wert eines Ortes wie Sudbury Valley ist. Ich denke, dass mir die Schule sehr viel gebracht hat, in der Hinsicht, dass ich meine Interessen erkunden konnte und dass ich in einer Gemeinschaft von Menschen war, die verstehen, wie wirkliches Lernen geschieht und die die Rechte und die Unversehrtheit junger Menschen respektiert.

Henning: Würdest du wieder auf eine Sudbury-Schule gehen?

Seth: Ja, auf jeden Fall.

Henning: Warum?

Seth: Warum? Weil es mir sehr gefallen hat und weil ich danach in der Lage war, das zu tun, was ich tun wollte.

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