Peter Gray: 6 Bedingungen für selbstbestimmtes Lernen

übersetzt von Martin Wilke

Die erste Bedingung ist ein klares Verständnis, dass Bildung die Verantwortung des Kindes ist. Wenn Kinder wissen, dass sie für ihre Bildung verantwortlich sind, dann übernehmen sie die Verantwortung. Wenn sie glauben, oder glauben gemacht werden, dass jemand anderes für ihre Bildung verantwortlich ist und sie nichts weiter tun müssen als das zu machen, was man ihnen sagt, dann neigen sie dazu, so wenig wie möglich zu machen, dann übernehmen sie nicht die Verantwortung für ihre Bildung.

Zweite Bedingung: Unbegrenzte Gelegenheit zu spielen, zu erkunden und seinen eigenen Interessen nachzugehen. Unbegrenzte Zeit, nicht eine Stunde am Tag, nicht zwei Stunden am Tag, unbegrenzte Zeit. Es braucht Zeit, verschiedene Dinge auszuprobieren. Es braucht Zeit, um sich zu langweilen und Langeweile zu überwinden. Man kann das nicht durch Klingeln, die Leuten ständig sagen, was sie tun sollen, unterbrechen und erwarten, dass Leute eine echte Leidenschaft entwickeln.

Drittens: Gelegenheit, mit den Werkzeugen der Kultur zu spielen – wirklich mit den Werkzeugen der Kultur zu spielen. In der Kultur der Jäger und Sammler wären das Pfeil und Bogen, Messer, Feuer und Stöcke zum Graben. In unserer Kultur ist das Hauptwerkzeug natürlich der Computer. Es überrascht nicht, dass Kinder überall in unserer Kultur mit Computern spielen. Sie wissen instinktiv, dass das das Werkzeug der Kultur ist und sie viel Zeit damit verbringen müssen. So wird es gewissermaßen eine Erweiterung ihres eigenen Körpers.

Zugang zu einer Vielfalt einfühlsamer Erwachsener, die unterstützen und nicht beurteilen. Der letzte Teil ist so wichtig: unterstützen und nicht beurteilen. Die letzte Person, die man bitten möchte, einem dabei zu helfen, etwas zu lernen, ist jemand, der einen beurteilt. Bei sojemandem wird man nervös. Wenn man zu sojemandem geht, hat man dabei die Geisteshaltung, dass man versucht, ihn damit zu beeindrucken, wie viel man weiß, und nicht zu sagen: „Ich weiß das wirklich nicht und ich hätte gerne etwas Unterstützung.“ Indem die Mitarbeiter die Kinder nicht beurteilen, können sie die Kinder viel besser unterstützen.

Ungehinderte Mischung von Kindern und Jugendlichen ist absolut entscheidend für die Schule. Die Schule würde nicht funktionieren, wenn alle Kinder gleich alt wären, weil es für Kinder von anderen, die das gleiche Alter haben, nicht viel zu lernen gibt. Sie lernen von Kindern, die älter sind, und von Kindern, die jünger sind als sie selbst.

Sechstens: Eintauchen in eine stabile, integere, demokratische Gemeinschaft. Gemeinschaften, in denen jedes Kind weiß, dass seine Ideen und seine Handlungen die anderen in der Gemeinschaft beeinflussen. Auf diese Weise wachsen sie in einem Umfeld auf, in dem sie sich nicht nur verantwortlich für sich selbst fühlen, sondern auch für die Gemeinschaft, in der sie sich entwickeln.

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5 Gedanken zu “Peter Gray: 6 Bedingungen für selbstbestimmtes Lernen

  1. Hört sich gut an, wo bitte ist die Schule dazu???? Ergänzend möchte ich sagen Schule sollte an 10:00 beginnen nicht diese erzwungene Frühe , jedes Kind MUSS morgens aus dem Schlaf gerissen werden um viel zu früh zur Schule zu kommen!! Ich liebe es auch theoretisch über die ideale Schule zu reden, ich wünschte mir nur es würde auch Alternativen geben zur herkömmlichen Schule!

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    • Gib mal im youtube „democratic schools“ ein. 😉
      Im Instrumentalunterricht gibt es auch Bestrebungen in diese Richtung mit Lehrpersonen, die ein schülerorientiertes Organisationskonzept bereits erfolgreich umsetzen, siehe: ww.mdu.ch

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  2. Es gibt viele öffentliche Schulen, in denen sich Lehrpersonen Gedanken mache, wie Lernende selbstständig lernen. Eine gute Lehrperson denkt immer darüber nach. Das sind Prozesse, die dann gut funktionieren, wenn die ganze Gesellschaft sie mitträgt. Wenn immer mehr Leute ihre Kinder in Privatschulen schicken, ist dies für die gesamte Schulentwicklung nicht förderlich.
    Es ist längst nicht alles gut bei uns, aber wir tun unser Bestes in der Sek Theobald Baerwart und in vielen anderen Schulen in Basel.

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