Peter Gray: 6 Bedingungen für selbstbestimmtes Lernen

übersetzt von Martin Wilke

Die erste Bedingung ist ein klares Verständnis, dass Bildung die Verantwortung des Kindes ist. Wenn Kinder wissen, dass sie für ihre Bildung verantwortlich sind, dann übernehmen sie die Verantwortung. Wenn sie glauben, oder glauben gemacht werden, dass jemand anderes für ihre Bildung verantwortlich ist und sie nichts weiter tun müssen als das zu machen, was man ihnen sagt, dann neigen sie dazu, so wenig wie möglich zu machen, dann übernehmen sie nicht die Verantwortung für ihre Bildung. Weiterlesen

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Kinder bilden sich selbst Teil IV: Was wir von Sudbury Valley lernen können

40 Jahre lang haben Kinder sich an dieser Schule selbst gebildet.

von Peter Gray

veröffentlicht am 13. August 2008 im Blog Freedom to Learn

https://www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn/200808/children-educate-themselves-iv-lessons-sudbury-valley

Die Sudbury Valley School war die letzten 40 Jahre lang das bestgehütete Geheimnis in der Amerikanischen Bildungslandschaft. Die meisten Pädagogik-Studenten haben nie von ihr gehört. Pädagogik-Professoren ignorieren sie – nicht aus böser Absicht, sondern weil sie nicht in den Rahmen ihres pädagogischen Denkens hineinpasst. Das Bildungskonzept von Sudbury Valley ist keine Variante der Standard-Bildung. Es ist keine fortschrittliche Version traditioneller Schulbildung. Es ist keine Montessori-Schule, keine Dewey-Schule und keine konstruktivistische Schule nach Piaget. Es ist etwas völlig anderes. Wenn man die Schule verstehen möchte, muss man von einer ganz anderen Denkweise ausgehen, als von der, die das gegenwärtige pädagogische Denken beherrscht. Man muss von folgendem Gedanken ausgehen: Erwachsene haben keine Kontrolle über die Bildung der Kinder – Kinder bilden sich selbst.

Aber dieses Geheimnis dringt nach draußen, hauptsächlich verbreitet durch Schüler und andere, die die Sudbury Valley School unmittelbar erlebt haben. Heute folgen mindestens zwei Dutzend Schulen in der ganzen Welt dem Modell von Sudbury Valley. Ich sage voraus, dass in 50 Jahren, wenn nicht früher, das Sudbury-Valley-Modell in jedem Standard-Lehrbuch der Pädagogik vertreten sein wird und es an vielen Orten im öffentlichen Schulsystem anwendet werden wird. In 50 Jahren, so meine Vorhersage, werden viele, wenn nicht die meisten, Pädagogen den heutigen Bildungsansatz als barbarisches Überbleibsel der Vergangenheit betrachten. Die Leute werden sich fragen, warum die Welt so lange gebraucht hat, eine so einfache und offensichtliche Idee zu verstehen, wie die, auf der die Sudbury Valley School gegründet ist: Kinder bilden sich selbst; wir müssen es nicht für sie tun. Weiterlesen

Peter Gray: Kinder bilden sich selbst I: Überblick über einige der Belege

Kinder sind von Natur aus dazu geschaffen, sich selbst zu bilden.

von Peter Gray

veröffentlicht am 16. Juli 2008

https://www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn/200807/children-educate-themselves-i-outline-some-the-evidence

Als Erwachsene haben wir gewisse Verantwortlichkeiten gegenüber unseren Kindern und den Kindern der Welt. Es ist unsere Verantwortung, sichere, gesundheitsfördernde, respektvolle Umgebungen zu erschaffen, in denen Kinder sich entwickeln können. Es ist unsere Verantwortung, sicher zu gehen, dass Kinder geeignete Nahrung, frische Luft, ungiftige Orte zum Spielen und viele Gelegenheiten haben, ungestört mit anderen Menschen aus dem gesamten Altersspektrum zu interagieren. Es ist unsere Verantwortung, Vorbilder menschlichen Anstands zu sein. Aber über eine Sache müssen wir uns keine Sorgen machen: wie man Kinder bildet.

Wir müssen uns keine Sorgen machen um Lehrpläne, Stundenpläne, Kinder zum Lernen zu motivieren, sie zu testen und den ganzen Rest, der unter die Rubrik der Pädagogik fällt. Lasst uns diese Energie stattdessen darauf verwenden, geeignete Umgebungen zu schaffen, in denen Kinder spielen können. Die Bildung der Kinder ist die Verantwortung der Kinder, nicht unsere. Nur sie können das tun. Sie sind dazu gemacht, das zu tun. Unsere Aufgabe in Sachen Bildung ist einfach, einen Schritt zurückzutreten und es geschehen zu lassen. Je mehr wir versuchen, es zu kontrollieren, um so mehr stören wir. Weiterlesen

Peter Gray: Kognitive Nutzen des Videospielens

Forschungsergebnisse zeigen, dass das Spielen von Videospielen grundlegende geistige Fähigkeiten verbessert

veröffentlicht von Peter Gray am 20.02.2015 in Freedom to Learn

https://www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn/201502/cognitive-benefits-playing-video-games

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In zwei früheren Artikeln („Warum Videospiele Kindern nützen“ und „Videospiel-Sucht: Gibt es sie? Wenn ja, warum?“) habe ich Belege zusammengefasst, die verbreiteten Befürchtungen über Videospiele entgegentreten (dass sie abhängig machen und Übel wie soziale Isolation, Fettleibigkeit und Gewalt förderten). Ich habe dort auch auf Belege dafür verwiesen, dass die Spiele Kindern helfen können, logische, literarische, Entscheidungs- und sogar soziale Fertigkeiten zu entwickeln. Es gibt immer mehr Belege dafür, vor allem hinsichtlich der kognitiven Nutzen solcher Spiele.

 

Die neueste Ausgabe des American Journal of Play (Herbst 2014) enthält einen Artikel (http://www.journalofplay.org/sites/www.journalofplay.org/files/pdf-articles/7-1-article-video-games.pdf) der Forscher Adam Eichenbaum, Daphne Bavelier und C. Shawn Green, der neue Forschungsergebnisse zusammenfasst, die langanhaltende positive Effekte von Videospielen auf grundlegende geistige Prozesse – wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung und Entscheidungsfindung – aufzeigen. Der größte Teil der Forschung bezieht sich auf Auswirkungen von Action-Videospielen – das heißt, Spielen, die von den Spielern verlangen, sich schnell zu bewegen, mehrere Objekte gleichzeitig im Blick zu behalten, sich eine ziemlich große Menge an Informationen gleichzeitig zu merken, und Entscheidungen in Sekunden-Bruchteilen zu treffen. Viele der Fähigkeiten, auf die solche Spieler zurückgreifen, sind genau jene Fähigkeiten, die Psychologen als die grundlegenden Bausteine von Intelligenz ansehen. Weiterlesen

Peter Gray: Videospiel-Sucht. Gibt es sie? Wenn ja, warum?

Die Analogie von „Videospiel-Sucht“ zu Glücksspiel-Sucht ist irreführend.

Veröffentlicht am 2. Februar 2012 von Peter Gray in Freedom to Learn

http://www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn/201202/video-game-addiction-does-it-occur-if-so-why

übersetzt von Martin im Herbst 2014

Creative Commons Attribution 3.0 License: http://matsumoto-reiko.deviantart.com/
Creative Commons Attribution 3.0 License: http://matsumoto-reiko.deviantart.com/

Experten“, vor allem jene, die häufig in den Medien zitiert werden, warnen uns ständig vor Gefahren für unsere Kinder. Was unsere Aufmerksamkeit packt und uns Angst macht, sind gewöhnlich die Fallbeispiele, die diese „Experten“ uns präsentieren: Ein Kind hat irgendwo draußen gespielt, ohne dass seine Eltern in der Nähe waren, und wurde entführt und ermordet. Wer seinem Kind erlaubt, draußen zu spielen, ohne dass es von einem Erwachsenen genau im Auge behalten wird, vernachlässige deshalb sein Kind. Ein verzweifelter junger Mann in Südkorea spielt 50 Stunden lang Videospiele, ohne zu schlafen oder zu essen, erleidet einen Herzstillstand und stirbt. Deshalb würden Videospiele süchtig machen und seien gefährlich, und wir müssen sie entweder verbieten oder ihren Gebrauch eindämmen, damit unsere Kinder nicht wie der arme Südkoreaner sterben.

Geschichten wie diese sind tragisch; und ja, Tragödien geschehen, üblicherweise auf völlig unvorhersehbare Weise. Aber wenn wir solche Geschichten hören, dürfen wir nicht vergessen, dass es ungefähr 7 Milliarden Menschen auf der Welt gibt. Das sind 7.000.000.000. Dieser junge Mann in Südkorea repräsentiert 0,000.000.014 Prozent der Weltbevölkerung. Bei 7 Milliarden Menschen passiert jeden Tag etwas Sonderbares. Den panikschürenden „Experten“ und Medien werden die schockierenden Geschichten, die sie uns erzählen, nie ausgehen.

Heute spielen auf der ganzen Welt mehrere Hundert Millionen Menschen Videospiele. Die große Mehrheit dieser Spieler sind vollkommen normale Menschen, was heißt, dass ihnen nie etwas berichtenswertes passiert, aber ein kleiner Teil von ihnen sind Mörder, einige sind außergewöhnlich depressiv, einige sind selbstmordgefährdet; und jeden Tag tut irgendwo ein Videospieler etwas Furchtbares oder erlebt etwas Furchtbares. All das gilt auch für die Hunderte Millionen Menschen, die keine Videospiele spielen. Aus diesem Grund sind Geschichten über Einzelfälle für sich genommen wertlos. Wenn wir etwas über die Folgen des Videospielens erfahren wollen, oder über irgendetwas anderes, dann brauchen wir gut gemachte Forschungsarbeiten und Statistiken. Die Betonung liegt hier auf gut gemachte. Weiterlesen

Peter Gray: Warum Videospiele Kindern nützen

Überlege zweimal, bevor du das Videospielen deiner Kinder einschränkst; und dann lass es!

Veröffentlicht am 7. Januar 2012 von Peter Gray in Freedom to Learn

www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn/201201/the-many-benefits-kids-playing-video-games

übersetzt von Martin Wilke im Herbst 2014

Viele Eltern haben mich bei Vorträgen, die ich gehalten habe, gefragt, wie ratsam es ist, das Computerspielen ihrer Kinder einzuschränken. Andere haben mir erzählt, dass sie das Computerspielen ihrer Kinder oder ihre tägliche „Bildschirmzeit“ einschränken, in einem Ton, der anscheinend nahelegte, dass alle vernünftigen Eltern das täten.

Wer diesen Blog öfter liest, kann wahrscheinlich meine Reaktion erraten. Ich habe eine sehr hohe Meinung von der Fähigkeit von Kindern, gute Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie ihre Freizeit nutzen, solange sie wirklich die Wahl haben. Einige Kinder erleben eine lange Phase, in der sie scheinbar nur eine einzige Sachen tun, und dann denken einige Erwachsene, dass da etwas nicht stimmt, weil sie (die Erwachsenen) sich nicht so entscheiden würden. Aber nach meiner Erfahrung gilt: Wenn Kinder wirklich die Freiheit haben, auf viele verschiedene Arten zu spielen und zu erkunden, und sie dann scheinbar nur auf eine einzige Art spielen oder erkunden, dann tun sie das, weil es ihnen etwas wirklich bedeutendes bringt. Wenn Du ein schönes Beispiel dafür sehen möchtest, kannst du dir den Film auf der Startseite der Sudbury Valley School angucken, in dem ein junger Mann beschreibt, wie er ein Jahr lang fast nichts anderes tat als Computer zu spielen. Weiterlesen

Peter Gray: Unerbetene Bewertung ist der Feind von Kreativität

Kreativität gedeiht in einer nicht-kontrollierenden, bewertungsfreien Umgebung

Veröffentlicht am 16. Oktober 2012 von Peter Gray in Freedom to Learn

siehe http://www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn/201210/unsolicited-evaluation-is-the-enemy-creativity

übersetzt von Martin Wilke im Frühjahr 2015

In meinem letzten Post (http://www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn/201209/children-s-freedom-has-declined-so-has-their-creativity) schrieb ich von Belegen dafür, dass die Kreativität von Kindern im Laufe der letzten zwei oder drei Jahrzehnte abgenommen hat, einer Zeit, in der das Leben von Kindern sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule zunehmend durch erwachsene Autoritäten kontrolliert und reguliert worden ist. Hier sind nun einige weitere Belege dafür, dass Freiheit – und dazu gehört auch Freiheit von unerbetener Bewertung – ein wesentlicher Faktor für das Blühen der Kreativität ist. Weiterlesen